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Die Walcker-Orgel der Apostel-Paulus-Kirche Berlin-Schöneberg
2009 Orgeljahr "45 Jahre Walcker-Orgel"

(Foto: Harald Berghausen / Aug.2008)
Kirchenguste und Schöneberg
Das Jahr 1888 sollte für die Kirchenlandschaft Schöneberg sehr bedeutsam werden, denn in diesem Jahr bestieg Wilhelm von Preussen den Kaiserthron mit seiner Gemahlin Auguste Victoria.
Auguste Victoria übernahm die Schirmherrschaft für zahlreiche Vereine und Einrichtungen, so für den Vaterländischen Frauenverein, das Deutsche Rote Kreuz und gründete 1890 den Evangelischen Kirchbauverein. Über 40 Kirchenbauten ließ sie in Berlin errichten und so erhielt die Kaiserin bald den Spitznamen „Kirchenguste“.
1892 erhielt der berühmte Architekt Wilhelm Schwechten den Auftrag für den Bau der Apostel-Paulus-Kirche, die heute zu den größten Kirchen Berlins zählt.
Zur prächtigen Ausstattung gehörte eine große Orgel mit 60 klingenden Stimmen der Frankfurter Orgelbauwerkstatt Wilhelm Sauer. Dieses Instrument war allein wegen des großartigen vergoldeten gusseisernen Prospekts eine Besonderheit. Der Klangcharakter dieser Orgel zeichnete sich durch „eine kräftige Wärme“ aus. Kriegseinwirkungen, Witterungsschäden und Vandalismus setzten diesem wertvollen Instrument leider so sehr zu, dass es abgetragen werden musste.
Orgelgeschichte in Kürze
und die neue Orgel der Apostel-Paulus-Kirche
Als im Jahre 300 v. Chr. Ktebesios aus Alexandria eine Hydraulis, eine durch Wasserdruck getriebene Orgel, erfand (s. Bild), ahnte wohl kaum jemand, welche Ausmaße diese Erfindung einst erreichen würde. 4 Register zu je 13 Pfeifen hatte dieses Instrument und ist in seiner Einmaligkeit heute im Museum zu Mainz zu bestaunen (Rekonstruktion: E.Fr. Walcker).
Heute besitzen die großen Instrumente um die 100 Register, z.B. die Seifert-Orgel zu Kevelaer mit 131 klingende Stimmen.
Unsere Orgel, wurde 1964 vom Orgelbau Eberhard Friedrich Walcker/Ludwigsburg, als Opus 4482, errichtet. Die Orgeln Walckers setzten, zusammen mit Sauer/Frankfurt, Steinmeyer/Oettingen usw. um 1900 Maßstäbe für den romantischen Orgelbau. Diese Instrumente lösten mit ihrem warmen und orchestralen Klang den hellen barocken Orgelklang ab. Die Mixturen wurden gedeckter, der grundtönige Klang dominierte und die Orgeln nahmen gewaltige Ausmaße an, wie sich auch die Größe der Orchester in dieser Zeit enorm erweiterte.
Das änderte sich jedoch schlagartig, als im Jahre 1925 die Orgelbewegung begann. Plötzlich galten die romantischen Klänge als dekadent und die barocken Klangideale wurden wieder ausgegraben. Die Grundtönigkeit wurde reduziert, dafür prangten helle Mixturen und viele Aliquoten (Obertonregister). Diese Klangtreiberei nahm bis in die Jahre 1950 / 60 extreme Ausmaße an. So ist jede Orgel letztlich ein „Kind ihrer Zeit“.
Die Orgel der Apostel-Paulus-Kirche wurde gebaut, als dieser Zwang zu überaus hellen Klängen schon wieder etwas abflaute. Zwar hat unser Instrument immerhin noch 7 Mixturen, neigt aber schon zu einer Rückbesinnung zur „Schonung des Gehörs“. Durch den warmen Klang des 16fuß Prinzipals hat diese Orgel, gemischt mit den Grundtönen und der reichen Ausstattung von Zungenregistern, einen schon fast französischen Klang. Das Tutti der Orgel wirkt relativ weich, weil ich 2005 die sehr hellen Mixturen aus dem Gesamtklang (Tutti) herausnehmen ließ, durchgeführt durch die Berliner Orgelbau-Werkstatt Karl Schuke.
Unser Instrument hat 2.700 Pfeifen, 3 Manuale (Klaviaturen) und 38 klingende Register, davon 7 Zungenregister. Die Traktur (Verbindung der Tasten mit den Pfeifen) ist elektro-mechanisch, also durch hölzerne Stangen verbunden. Die Register werden elektrisch gesteuert. Die Schleifladen (Öffnungsmechanik der Pfeifen) werden durch Magnete bewegt. Die größte Pfeife (16fuß im Pedalturm und im Hauptwerk-Prospekt) misst 6 Meter und die Kleinste (1fuß im Rückpositiv) 1 cm.

Blick zur Orgel (Foto: Harald Berghausen / Okt. 2008)
Disposition
Hauptwerk (2.Manual) Schwellwerk (3.Manual)
Prinzipal 16´ Prinzipalflöte 8´
Prinzipal 8´ Prinzipal 4´
Rohrflöte 8´ Nachthorn 4´
Oktave 4´ Quinte 2 ½
Blockflöte 4´ Bachflöte 2´
Nassat 2 2/3 Terz 1 3/5
Oktave 2´ Sextan 2 f.
Mixtur 5-6 f. Scharff 5 f.
Scharff 3-4 f. Dulzian 16´ neu intoniert; Schuke Berlin
Trompete 8´ (neu intoniert; Schuke Berlin) Regal 8´ Umbau von 4´ Schuke/Berlin
Tremulant
Schweller
Rückpositiv (1.Manual) Pedal
Gedeckt 8´ Prästant 16´
Prinzipal 4´ Subbass 16´
Waldflöte 2´ Nasat 10 2/3´
Quinte 1 ½ Oktavbass 8´
Spitzflöte 1´ Gedackpommer 8´
TerzZimbel 3 f. Rohrpfeife 4´
Krummhorn 8´ Mixtur 6 f.
Tremulant Rauschpfeife 3 f.
Posaune 16´
Trompete 8´
Cornett 2´
Koppeln (Hand- und Fußschaltung)
RP – HW 2 freie Kombination
SW – HW Hand zu Kombination
HW – Ped. Zungen ab
RP – Ped.
SW – Ped. Tutti

Spieltisch / Foto: Harald Berghausen
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